1907, das Jahr, in dem Franz Kafka an Max Brod von

Třešť/Triesch schrieb (s.u. Eintrag vom 2. Juni), in diesem Jahr fand das Wort „Emphatie“ zur Welt:

„Weil der Prozess der Individualisierung so untrennbar mit der Entwicklung des empathischen Bewusstseins verbunden ist, tauchte der Begriff der Empathie erst ab 1907 in unserem Vokabular auf, (FN 4) etwa zu der Zeit, als die Psychologen anfingen, die innere Dynamik des Unbewussten und des Bewussten zu erforschen. Empathie wurde also erst dann zu einem expliziten Bestandteil unseres Vokabulars, als die Menschen ein Ich-Bewusstsein entwickelt hatten, das sie in die Lage versetzte, ihre eigenen Gefühle und Gedanken in Bezug zu den Gefühlen und Gedanken anderer zu setzen.“

(FN 4): Lipps, Theodor. »Das Wissen von fremden Ichen«. In: ders. (Hg.). Psychologische Untersuchungen. Leipzig: Engelmann. 1907. S. 694 – 722

Aus: Jeremy Rifkin: Die empathische Zivilisation. Wege zu einem globalen Bewusstsein. Frankfurt am Main, 2010, S. 21

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Todestag 3. Juni

Franz Kafka starb am 3. Juni 1924 in Kierling. Heute ist sein 95. Todestag:

„Alle menschlichen Fehler sind Ungeduld, ein unzeitiges Abbrechen des Methodischen, ein scheinbares Einpfählen der scheinbaren Sache.“ (Franz Kafka)

Ausgangspunkt des Blogs – Franz Kafka schreibt an Max Brod:

„Ich fahre viel auf dem Motorrad, ich bade viel, ich liege lange nackt im Gras am Teiche, bis Mitternacht bin ich mit einem lästig verliebten Mädchen im Park, ich habe schon Heu auf der Wiese umgelegt, ein Ringelspiel aufgebaut, nach dem Gewitter Bäumen geholfen, Kühe und Ziegen geweidet und am Abend nachhause getrieben, viel Billard gespielt, große Spaziergänge gemacht, viel Bier getrunken und ich bin auch schon im Tempel gewesen.“

Triesch, Mitte August 1907

S. a. Eintrag unten vom 15. August 2018

Der Kontrast zum Motorradfahren: Beobachtung aus einer Position – Gefolge einer Erbin, von Brillat-Savarin

„Als ich eines Tages von der Rue de la Paix zum Place Vendôme ging, wurde ich durch das Gefolge der reichsten, heiratsfähigen Pariser Erbin aufgehalten, die gerade vom Bois de Boulogne zurückkam.

Der Zug war folgendermaßen zusammengesetzt:

1. Die Schöne, Gegenstand aller Wünsche, auf einem herrlichen Braunen, mit dem sie geschickt umzugehen verstand. Sie trug ein blaues Reitkleid mit langer Schleppe und einen schwarzen Hut mit weißen Federn.

2. Ihr Vormund, der mit ernstem Gesicht und einer seinem Amt entsprechenden würdigen Haltung neben ihr ritt.

3. Eine Gruppe von zwölf bis fünfzehn Verehrern, die sich alle hervorzutun suchten, einer durch seine Zuvorkommenheit, ein anderer durch seine Reitkünste, ein dritter durch seine Melancholie. (…)

Sie zogen vorüber … und ich meditierte weiter.“

Brillat-Savarin: Physiologie des Geschmacks, 1962/1825, S. 210

moents in kafka

Für einen moent (=Moment) herrscht Stille.

Für einen moent stillt der Platz.

In diesem moent starte ich das Motorrad.

Die Räume von Triesch – ein Ort hat mehrere Räume, ein Raum mehrere Orte – und der Literatur fragend ausfahren.

Kafka: „‚Haß gegenüber aktiver Selbstbeobachtung‘ notiert Kafkas Tagebuch am 9. Dezember 1913 und folgt damit demselben Widerwillen gegen die lediglich zergliedernden Impulse des psychologischen Untersuchungsverfahren (T II 213).“ (Peter-André Alt: Franz Kafka. Der ewige Sohn, 2008/2005, S. 309)