R. Menasse – Café Kafka

„Er ging ziellos, schaute ab und zu in die Auslagen, erblickte aber immer nur sein bleiches Gesicht mit der großen schwarzen Brille und dem weißen Haar, das wie elektrisiert vom Kopf abstand. Er kam in die Rue Poissoniers, sah dort an der Ecke ein Kaffeehaus, Café Kafka, fand das sinnig und kehrte auf ein Glas ein.“
Robert Menasse, Die Hauptstadt. Roman, 2017

Ohlsdorf, Obernathal 2 –

Das Bernhard Haus

„Und die Wahrheit ist, daß ich nur im Auto sitzend zwischen dem einen Ort, den ich gerade verlassen habe und dem anderen, auf den ich zufahre, glücklich bin, nur im Auto und auf der Fahrt bin ich glücklich […].“
Th. Bernhard: Wittgensteins Neffe. Eine Freundschaft

Dahinter

wird „auto“ durch „motorrad“ ersetzt, – kann darin wesentliches zum verständnis der faszination des motorradfahrens gesehen werden.

Kafka/Kelte, 5., 6., 7., 8., 9., 10. & 11. Einspruch

5. Einspruch

Koslowski, im Film immer Kos genannt, rannte auf seiner Insel auf und ab. Da half kein Kelte und kein Motorrad, in der Sinuskurve alphabetisierend.

6. Einspruch

Großhaft konsistent erkundete der Kelte die Landschaft. Zum Schloß schaute er nur kurz, er wollte keinen Eingang finden, das Tor in den Schoß zurück kam in keinen Vertausch gegen die Landstraße. Im Dorf machte er keinen Halt, so entging ihm der Brückenwirt und der Herrenhof.

7. Einspruch

Badeszenen ergingen sich in Vermächtnissen.

8. Einspruch

Auf der Straße sich mit dem Motorrad aufhaltend gegen zirkulierendes Dorfleben. Die Frau stieg kurz vor dem Platz auf, sich in seinen Oberkörper verkrallend. Sie wurde Teil des technohumanen Fahrverbundes. Er erzählte ihr vom Dicken, vom Grab, vom Schloß, vom Dorf und vom Fahren.

9. Einspruch

Nun erzählte sie, direkt aus der Schule kommend, vom Brennholz als Zaun und dem Katheder als Esstisch. Eins war das andere und wieder zurück.

10. Einspruch

Sie fuhren direkt auf das Hügelgräberfeld zu. Rauf, weiter auf ein anderes. Oben saßen lustige Figuren, Hanswurste allesamt, als Abschluß auf jedem Grabhügel. Teilnahmslos, hin und wieder eine Bewegung setzend, das Motorrad zögernd wahrnehmend. Die Kälte der einzelnen Hügel war durchdringend, wenn auch unterschiedlich. Der Kelte fuhr mit gesteigerter Geschwindigkeit gegen die Hügel an. Nie bis an die Spitze, da bog er lachend vorher ab. Die Frau wagte das Ausstrecken der Füße. Nie kollerten sie. Der Hügelgräber-Parcour des Kelten, in allen Gas- und Bremsvarianten, die Kelten waren die Toten.

11. Einspruch 

Ihnen war warm und das Wildschwein querte von rechts die Fahrbahn. Ein knappes Zeichen. Zügig wischte der Asphalt unter ihnen hinweg, unfertige Häuser – denn immer sind Häuser unfertig – zu beiden Seiten der Straßen. K. war ein gutes Stück weitergekommen.

Kafka, Löwy/Triesch & Wien

„In der Endphase seiner Gymnasialzeit dürfte Kafka zum ersten Mal Wien gesehen haben. Daß es diese Reise überhaupt gab, wird lediglich durch eine Tagebuchnotiz belegt […]. Die wahrscheinlichste Vermutung ist, daß sein Lieblingsonkel Dr. Friedrich Löwy, Landarzt im mährischen Triesch (Třešť), der Wien besonders liebte und gern besuchte, seinen Neffen zu einer gemeinsamen Reise in die Metropole eingeladen hatte, auf der dieser einen Eindruck von den Wiener Hauptsehenswürdigkeiten erhalten haben dürfte […]. Es dürfte sich um einen Wochenendausflug während der Sommerferien gehandelt haben, die Kafka als Schüler und Student teilweise bei seinem Onkel zu verbringen pflegte. Daß die beiden tatsächlich gemeinsam reisten, belegt der Umstand, daß sie sich im August 1901 zusammen in Helgoland und Norderney aufhielten.“

Hartmut Binder: Kafkas Wien. Portrait einer schwierigen Beziehung, 2013

Im Škoda Museum, Mladá Boleslav/Jungbunzlau …

„Der deutschsprachige Prager jüdische Schriftsteller Franz Kafka hat in seiner Novelle Die Verwandlung die absurde Veränderung in ein im Chitinpanzer gefangenes Individuum, einen Käfer etwa, anschaulich beschrieben. Im selben kulturellen Umfeld inspirieren die Deckflügel der Insekten den Konstrukteur und Ingenieur Ferdinand Porsche, gebürtig aus Liberec, zur Erfindung des legendären Käfers.“

Zu den Fahrenden, allgemein:

„Es ist merkwürdig, daß die am Rande der ‚guten‘ Gesellschaft lebenden Fahrenden gerade für intellektuelle Bürger, Dichter und Literaten von oft ungemein großer Faszination sind. Dies hängt wohl mit dem Freiheitsprinzip zusammen, mit dem man Ganoven und Fahrende oft verbindet; schließlich wissen sie sich der bürgerlichen Ordnung, die sozialen Druck für den einzelnen bedeutet, geschickt zu entziehen.“

Roland Girtler: Rotwelsch. Die alte Sprache der Gauner, Dirnen und Vagabunden. 2., erweiterte Auflage. Wien, Köln, Weimar, 2010/1998.