Eine Stimme zu Kafka aus dem Jahr 1956:

Die Romane des Österreichers Kafka sind in Österreich nicht so populär wie sonst auf der Welt. Weil Österreich keine Romane von Kafka zu lesen braucht, um sie zu erleben. Kafka scheint euch von Visionen heimgesucht; uns aber ist, als hätte er schlicht mitgeschrieben. Der Österreicher muß einfach in eine Kanzlei welcher Art immer mit einem Vorhaben welcher Art immer eintreten, er mag einen Paß oder einen Telephonanschluß beantragen, ein Paket vom Zollamt abholen, im Meldeamt einer Adresse oder an der Staatstheaterkasse eines Sitzes für ‚Fidelio‘ teilhaft zu werden wünschen, er wird in ein kafkasches System der unübersichtlich unüberwindlichen Hierarchien verwickelt werden.

Aber er wird nicht unterliegen, sondern triumphieren, nicht gerichtet werden, sondern ’sich’s richten‘, wie der Fachausdruck lautet, und das ist ein zweiter Grund, der Kafka für Österreich weniger zugkräftig macht als für die Restwelt. Kafka gibt keine Lösung. Österreich gibt sie. Kafka bleibt Fragment. In Österreich kommt man zum Schloß, man gewinnt den Prozeß oder erwirkt zumindest eine Vertagung auf unbestimmte Zeit. Man kennt einen, der einen kennt, der die Möglichkeit hat, durch einen Telephonanruf das Zauberwort auszulösen, das den Sesam an einer überraschende Stelle öffnet: Werd’n wir scho‘ machen!

Österreich, Altmeister der Bürokratie, ist immun gegen sie durch uralte Übung. Das Tor des Amts ist reine Zier – die Hintertür allein erheblich. Die direkteste Verbindung zwischen zwei Punkten ist der Umweg.

Hans WeigelO du mein Österreich. Versuch des Fragments einer Improvisation für Anfänger und solche die es werden wollen