Kafka & Dr. Siegfried Löwy – I

„… arbeitete er [Kafka] bereits seit über zwei Jahren in der Abteilung ‚T.‘ der Anstalt, der Technischen Abteilung, die für alle mit maschineller Technik zusammenhängenden Fragen zuständig war.

Das traf durchaus Kafkas technisches Interesse, das sein Lieblingsonkel Siegfried Löwy geweckt hatte, der berühmte Landarzt in Triesch, der aber nicht nur als Landarzt arbeitete, sondern hauptsächlich auch als Betriebsarzt dreier Tuchfabriken. Ein allem Neuen aufgeschlossener Mann, sei es naturgemäße Lebensweise oder Motorisierung. Als einer der ersten in ganz Mähren besaß er ein Motorrad und ließ den Neffen darauf fahren, als einer der ersten interessierte er sich für Automobile, die seit 1905 von der tschechischen Firma Laurin & Klement (später Škoda) gebaut wurden …“

Aus: Klaus Wagenbach, Kafkas Fabriken

Freud und das Motorad

Im Unterschied zu Franz Kafka, konnte Sigmund Freud einspurigen Fahrzeugen nichts abgewinnen:

„Vater konnte Fahrräder nicht leiden. Ich weiß nicht wirklich, warum, aber er mochte sie nicht, obwohl Freunde, wie der alte Professor Kassowitz, begeisterte Fahrradfahrer waren. […] Das Fahrrad, das Raum und Zeit bezwingen konnte, hatte beinahe etwas Magisches und ließ das Reit- und Zugpferd weit hinter sich. […] Bald tauchten auch Motorräder auf, um ebenfalls Vaters Abscheu zu erregen.“

Martin Freud: Mein Vater Sigmund Freud. Heidelberg, 1999, S. 115

Vogelflug

Auf dem Weg nach Triesch/Třešť:

TAUBE – A TUBE – ET BAU

BET AU – B, TAUE – BAUET

MOT-OR-RAD

(Heinz Pusitz)

Alfred PolgarDie Tauben von San Marco: Plötzlich flogen alle mitsammen auf und flatterten in großen, schiefen Ellipsen stürmisch rauschend über den Platz. Und als sie zu Boden gingen, ein gewaltiger weicher Wirbel von Blau und Weiß und Grau, war es, als ob sie aus der Luft geschüttet würden, so dicht fielen und lagen sie zuhauf übereinander. (Aus: An den Rand geschrieben)

Franz KafkaDer Jäger Gracchus: Ein Taubenschwarm, der bisher den Glockenturm umflogen hatte, ließ sich jetzt vor dem Hause nieder. Als werde im Hause ihre Nahrung aufbewahrt, sammelten sich die Tauben vor dem Tor. Eine flog bis zum ersten Stock auf und pickte an die Fensterscheibe. Es waren hellfarbige, wohlgepflegte, lebhafte Tiere. In großem Schwung warf ihnen die Frau aus der Barke Körner hin, die sammelten sie auf und flogen dann zur Frau hinüber.

Über das Vorüberfahren – 2 Fundstücke

„Es ist das Vorüberfahren selbst, das Vorbgeigehen, das die Dinge ihm [dem Motorradfahrer] anders zuspielt und sie im nächsten Moment wieder verschwinden lässt.“

Rainer Otte: Windpassagen. Die Philosophie des Motorradfahrens

„… während Dörfer uns entgegenkommen und vorübereilen, während sie zugleich sich in die Tiefe des Landes wenden, wo sie für uns verschwinden müssen.“

Franz Kafka: Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande. Entstanden 1907.

Soros, Schumpeter & Triesch/Třešť

George Soros „erhielt in Wien den Schumpeter-Preis für sein Engagement für die Freiheit und Förderung der Wissenschaft“ (profil 26/2019, S. 10).

Weiters schreibt das profil: „Joseph Schumpeter (1883-1950) war ein Harvard-Ökonom aus Österreich.“

Blogthematisch relevant: Joseph Schumpeter war, auf seinen Geburtsort enggeführt, ein Nationalökonom aus Třešť/Triesch, wo er am 8. Februar 1883 geboren wurde.

1907, das Jahr, in dem Franz Kafka an Max Brod von

Třešť/Triesch schrieb (s.u. Eintrag vom 2. Juni), in diesem Jahr fand das Wort „Emphatie“ zur Welt:

„Weil der Prozess der Individualisierung so untrennbar mit der Entwicklung des empathischen Bewusstseins verbunden ist, tauchte der Begriff der Empathie erst ab 1907 in unserem Vokabular auf, (FN 4) etwa zu der Zeit, als die Psychologen anfingen, die innere Dynamik des Unbewussten und des Bewussten zu erforschen. Empathie wurde also erst dann zu einem expliziten Bestandteil unseres Vokabulars, als die Menschen ein Ich-Bewusstsein entwickelt hatten, das sie in die Lage versetzte, ihre eigenen Gefühle und Gedanken in Bezug zu den Gefühlen und Gedanken anderer zu setzen.“

(FN 4): Lipps, Theodor. »Das Wissen von fremden Ichen«. In: ders. (Hg.). Psychologische Untersuchungen. Leipzig: Engelmann. 1907. S. 694 – 722

Aus: Jeremy Rifkin: Die empathische Zivilisation. Wege zu einem globalen Bewusstsein. Frankfurt am Main, 2010, S. 21